Viele Menschen denken bei ADHS an unkonzentrierte, zappelige und impulsive Kinder. Das die Symptome in der Kindheit nicht zwingend so aussehen müssen und auch über das Kindesalter hinaus bestehen bleiben können, ist vielen nicht bewusst.
Auch das Wissen darüber, dass der Umgang mit Geld für viele ADHS-Betroffene eine Herausforderung darstellen kann, ist nicht weit verbreitet.
Eine neue internationale Studie liefert nun wichtige Erkenntnisse darüber, welche finanziellen Herausforderungen Erwachsene mit ADHS besonders betreffen, und warum Unterstützung erforderlich werden kann.
Warum ist finanzielle Kompetenz so wichtig?
Ob es darum geht Rechnungen fristgerecht zu bezahlen, Versicherungsangebote zu vergleichen, Abos zu kündigen, Geld für unerwartete Ausgaben zurückzulegen oder für langfristige finanzielle Ziele zu sparen– finanzielle Entscheidungen begleiten uns jeden Tag.
Wer hier den Überblick verliert, kann schnell in Schwierigkeiten geraten. Das kann emotional belastend sein und im schlechtesten Fall sogar rechtliche Konsequenzen haben – Mahnverfahren, Schufaeinträge, Schulden und Einschränkungen der finanziellen Selbstbestimmung können die Folge sein.
Was zeigt die Studie?
Eine Studie (Int. J. Environ. Res. Public Health 2023, 20, 4656) verglich 45 ADHS-Betroffene mit 47 Nicht-Betroffenen. Ziel war es herauszufinden, welches alltägliche finanzielle Wissen besteht und wie die Fähigkeit gute Entscheidungen im Umgang mit Geld zu treffen im Alltag eingesetzt wird.
Die Ergebnisse waren eindeutig.
Erwachsene mit ADHS haben deutlich häufiger Schwierigkeiten bei:
- Erkennen und Einordnen von Rechnungen: Viele bemerken Rechnungen später oder wissen nicht genau, worum es geht.
- Kenntnis über das eigene Einkommen: Ein überraschend großer Anteil konnte nicht zutreffend beantworten, wie viel Geld jeden Monat tatsächlich zur Verfügung steht.
- Rücklagen für Notfälle: Reservefonds sind häufig nicht vorhanden.
- Langfristige finanzielle Planung: Finanzielle Ziele zu formulieren fällt vielen Betroffenen schwer.
- Verständnis von Vermögenswerten: Was zählt eigentlich zu meinem Besitz und wie wichtig ist das?
- Vergleich von Versicherungen: Besonders bei komplexen Entscheidungen wie dem Vergleich von Versicherungsanbietern wie bspw. Krankenversicherungen entstehen signifikante Probleme.
- Umgang mit Schulden: Erwachsene mit ADHS berichten deutlich häufiger, dass in den letzten fünf Jahren rechtliche Schritte aufgrund von unbezahlten Rechnungen gegen sie eingeleitet wurden.
Und: Diese Schwierigkeiten waren unabhängig vom Einkommen.
Betroffene mit gutem Verdienst hatten ähnliche Probleme wie Geringverdiener.
Woran liegt das?
ADHS beeinflusst zentrale Fähigkeiten, die beim Umgang mit Geld entscheidend sind – darunter Aufmerksamkeit, Prioritisierung, Planung, Impulskontrolle sowie der Umgang mit Stress und Emotionsregulation.
Erfolgreiches Geldmanagement erfordert aber genau diese Fähigkeiten: Überblick behalten, Informationen sortieren, Entscheidungen abwägen, Schwerpunkte setzen und langfristig planen.
Hinzu kommt: Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS haben oft weniger Gelegenheit, solche Fähigkeiten strukturiert zu erlernen oder sie im Alltag zu trainieren.
Weniger Unterstützung – obwohl der Bedarf groß ist
Jeder dritte Erwachsene mit ADHS wünscht sich Unterstützung bei finanziellen Entscheidungen oder möchte die Verantwortung ganz abgeben.
Die wenigsten haben Zugang zu entsprechenden Angeboten.
Hier besteht also eine deutliche Versorgungslücke.
Was bedeutet das für die Praxis?
Die Studie macht klar:
👉 Erwachsene mit ADHS profitieren von einer gezielten Unterstützung im Umgang mit Geld.
👉 Finanzielle Schwierigkeiten sollten genauso ernst genommen werden wie andere ADHS-Symptome.
👉 Fachleute – Ärztinnen, Therapeutinnen, Sozialdienste – sollten aktiv erfragen, wie es in diesem Lebensbereich aussieht.
Nur so kann frühzeitig erkannt werden, wo aus kleineren Herausforderungen größere Probleme erwachsen.
Was kann helfen?
- Individuelle Beratung: Statt allgemeinen Finanzkursen braucht es maßgeschneiderte Unterstützung.
- Strukturierte Tools: Digitale Erinnerungen, Budget-Apps oder feste Routinen helfen vielen Betroffenen.
- Finanzcoaching für ADHS: Programme, die auf die spezifischen Schwierigkeiten eingehen, könnten besonders wirksam sein.
- Frühe Prävention: Bereits junge Erwachsene mit ADHS sollten Grundfertigkeiten im Umgang mit Geld vermittelt bekommen.
Fazit
Der Alltag mit ADHS bringt viele Herausforderungen mit sich – der Umgang mit Geld gehört klar dazu. Die Studie zeigt, dass finanzielle Schwierigkeiten bei Erwachsenen mit ADHS weit verbreitet sind und ernsthafte Konsequenzen haben können.
Umso wichtiger ist es, diesen Lebensbereich nicht zu übersehen. Wer frühzeitig unterstützt wird, kann finanzielle Stabilität aufbauen, Stress reduzieren und mehr Sicherheit im Alltag gewinnen.
Finanzielle Stabilität trägt zur Lebensqualität bei. Menschen mit ADHS verdienen in diesem Bereich ebenso Beratung und Hilfestellung wie in anderen Lebensbereichen.